Der Zug nach New York, nach einem Wochenende bei Freunden in den Hamptons. Alte Freunde, altes Geld, Besuche die immer seltener werden. Früher waren es Geburtstage, Hochzeiten, Geburten, heute immer öfter Beerdigungen. Der Kreislauf des Lebens, vom ersten aufgeschlagenen Knie bis hin zum stechenden Schmerz wenn immer er sich morgens aus seinem Bett kämpft. 

Auf seine eigene pragmatische Art hat Francis das alt werden längst akzeptiert. 

Während die Welt um ihn herum in ihren Handys versinkt blättert er stumpf in den Seiten seines Buchs, mehr aus Protest als aus Interesse. Er hat seine Brille vergessen, wie er so viele Dinge vergisst in diesen Tagen, und die Buchstaben sind nicht mehr als schwarze Kleckse vor seinen Augen. Es macht nichts, er kennt die Worte, kann sie förmlich hören. Einst Versprechen einer verbotenen Zukunft, jetzt Metaphern für längst vergangene Tage. Endlos viele gelebte Leben, verewigt in Tinte auf billigem Papier.

Jemand lässt sich auf den freien Platz gegenüber sinken, Trenchcoat und Aktentasche und der Geruch nach Zigarette. Francis sieht auf, nur flüchtig, eine natürliche Reaktion seines Körpers, und seine Augen sind schon längst wieder auf den schwarzen Klecksen als sein Gehirn einen Gedanken fasst. 

Steve McQueen, denkt er, Wie Steve McQueen wäre er in Würde gealtert.

Und Francis lässt sein Buch sinken, nur ein wenig. Eine bekannte Assoziation, fast sechzig Jahre alt. Aber es kann nicht sein, denkt er. 

Und erinnert sich an Sommer 1967. An das erste Pink Floyd Album, an Verliebt in einen Fremden und an den Freund seiner Schwester. An den jungen Mann in Polohemd und Leinenschuhen, wie Steve McQueen, zu cool für die Zeit, und zu cool für die Welt in der Francis aufgewachsen war. Zigaretten im Garten des Sommerhauses, braune Körper am Pool. Nackte Füße gegen die Windschutzscheibe des Cabrios auf dem Weg in die Stadt, Eiscreme die viel zu schnell schmolz. 

Verbotene Bücher unter Kirschbaumblüten. 

Steve McQueen, der eigentlich Anthony hieß, auf dem Sofa im Salon, ein Bein über der Lehne und die Hände in Francis’ Plattensammlung, mit einer Selbstverständlichkeit die Francis zur Weißglut trieb. Eine Wut, die erst in der Dunkelheit ihre Maske fallen ließ. Und Anthony, der die Maske durchschaute. 

Heimliche Blicke durch den Rauch des Lagerfeuers. Flammen, die die Haut erhitzten und ihnen folgten, auf ihrem Weg hinunter zum Fluss, zu den Kirschbaumblüten. Die sie verzehrten in den Tagen und Wochen, die sich durch ihre Haut bohrte und die Kinder der Sonne wieder vereinte. 

Francis betrachtet den fremden Mann. Blinzelt, der Name Anthony schwer auf seiner Zunge. Kurz ist er versucht zu sprechen. 

Die Welt ist ein absurder Ort. Hatten sie nicht immer davon gesprochen, dass sie sich wiedersehen würden? Irgendwann, in den Schatten der Stadt. Diesem mystischen Ort, an dem sein Name kein Gewicht trug, den er nie hatte finden können. Irgendwann, hatte Anthony gesagt, am Abend vor seiner Abreise, ihre Haut verschmolzen. Also wieso nicht hier, wieso nicht jetzt? 

Doch Francis spricht nicht. Senkt stattdessen seinen Blick.Denn selbst wenn. Selbst wenn es Anthony ist, der ihm gegenübersitzt. Selbst wenn. Sie sind zwei Fremde im Zug. Eine handvoll geteilte Zeilen im Buch ihres Lebens, nicht einmal ein Kapitel, bei weitem nicht genug um sich zu kennen. 

Was wäre wenn? 

Wie war das Leben für dich? Wie war das letzte Jahr Universität, wen hast du geheiratet, wie geht es den Kindern? Oder hast du tatsächlich dein Glück gefunden, in den Schatten, so wie du es versprochen hast? 

Und Francis denkt an sich selbst, an seine Träume, an die große, unbekannte Stadt und ihre endlosen Möglichkeiten. An die Schatten, die er so fürchtete. Ans Zurückbleiben, an den Namen seines Vaters, an geöffnete und geschlossene Türen. Erinnert sich an die erste Ehe, und auch an die zweite. An die Kinder, die er nicht kennt und nie kennen wollte. 

An den Jungen im Garten. An die erste Platte von Pink Floyd, an Verliebt in einen Fremden. An hätte er und wäre er und Versprechen unter Kirschbaumblüten. Gebrochene Herzen. Zu cool, wie Steve McQueen.

Der Zug kommt zum Stehen. Der Mann erhebt sich, langsam, seine Bewegung gezeichnet vom Alter. Francis schluckt. Sieht zu. Sein Mund öffnet sich, die Muskeln ihm plötzlich fremd, und Sekunden vergehen bis er es schafft zu sprechen. 

“Anthony?” 

Die Türen öffnen sich, und das Knarzen und Quietschen ist lauter als Francis’ Stimme. Ein Blinzeln, und Steve McQueen betritt den Bahnsteig, Trenchcoat und Aktenkoffer, ein letztes Blitzen von weißem Haar, dann verschwindet er hinter einer Gruppe junger Touristen. 

Francis sinkt zurück in den Sitz und starrt auf die verschwommene Tinte in seinen Händen.